Charakterstimmen entwickeln

... oder: Wie sorgt man dafür, dass die Charaktere nicht zu sehr nach dem Autor klingen.

Es gibt Autoren, die damit hadern, eine Geschichte aus zwei Perspektiven zu schreiben. Und dann gibt es mich, die sich von keinem der 7 Charaktere trennen kann. George R. R. Martin hat es auch geschafft. Dachte ich mir. 

Was es bedeutet, eine Geschichte mit 7 Perspektiven, 7 unterschiedlichen Charakteren und 7 eigenen Vergangenheiten zu schreiben, wurde mir dann nur allzu schnell bewusst. 

In meinem Kopf klangen die Szenen immer ganz klar. Aber dann die Erkenntnis: Da stehen Figuren auf einem Schiff, in einem Kampf oder mitten in einem Streitgespräch. Jede von ihnen hat ihre eigene Vergangenheit, ihre eigenen Ziele, ihre eigenen Wunden.

Und damit wird es richtig gemein: Plötzlich reden sie alle gleich. Alle haben sie Gedanken, Vermutungen, Vorwürfe und Widersprüche.  Und in dem Moment, an dem man sich selbst mitreden hört, weiß man: zurück in die Überarbeitung, Thema verfehlt! 

Gerade bei meinem Fantasyprojekt Allverund stand ich vor genau dieser Herausforderung. Ich schreibe mit sieben sehr unterschiedlichen Charakteren. Sie kommen aus verschiedenen Völkern, tragen eigene Erfahrungen mit sich herum und reagieren völlig anders auf Gefahr, Nähe, Macht, Angst oder Vertrauen.

Und damit sie nicht nur auf dem Papier unterschiedlich aussehen, sondern sich auch wirklich unterschiedlich anfühlen, musste ich mir ein System bauen. Etwas, das mir beim Schreiben hilft, den Fokus bei der jeweiligen Figur zu behalten. 

Der erste Schritt dazu: Wer ist diese Figur wirklich?

Bevor ich (ein zweites Mal) an Dialoge, Szenen oder Perspektiven gegangen bin, habe ich mir für jede Figur ein kleines Charakter-Moodboard angelegt. Nur drei Dinge. Also ganz bewusst reduziert.

Jede Figur hat drei Eigenschaften bekommen. Es mussten Eigenschaften sein, die man vielleicht nicht gleich an einem Charakter sieht und die mir beim Schreiben auch wirklich helfen. 

Waren diese Eigenschaften gesetzt, führte es mich direkt zu der nächsten, noch viel  spannenderen Frage:

Wie zeigen sich diese Eigenschaften?

Wie ist eine Figur z.B.  „mutig“? Stellt sich die Figur schützend vor andere? Greift sie zu schnell an? Bleibt sie ruhig, obwohl sie innerlich längst zweifelt? Schlägt sie im richtigen Moment Alarm, auch wenn ihr nach Flucht zumute ist?

Mut kann sich bei einem kriegerischen und extrovertierten Charakter vollkommen anders zeigen, als bei einem ruhigen Eigenbrötler. 

Das ist wichtig zu wissen, den genau an diesen Stellen wird eine Figur greifbar.

Drei Eigenschaften als innerer Kompass

Die drei Eigenschaften haben beim Schreiben die Richtung diktiert.

Wenn ich eine Szene schreibe, frage ich mich nicht nur:

Was passiert jetzt?

Sondern auch:

Wie würde genau diese Figur darauf reagieren?

Eine Figur, die misstrauisch ist, betritt einen Raum anders als eine Figur, die neugierig ist. Eine Figur, die Verantwortung gewohnt ist, spricht anders als jemand, der sein Leben lang unterschätzt wurde. Eine Figur, die sich beweisen will, hört in einem harmlosen Satz vielleicht einen Angriff.

Das mag jetzt direkt logisch klingen, aber wie oft hat man als Autor eine bestimmte Szene im Kopf. Man riecht sie, hört sie, schmeckt sie. Und dann schreibt man sie. Und zwar so, wie sie in unserem Kopf drinnen ist.

Dabei geht es nicht darum, was wir sehen/hören/riechen, sondern darum, was unser Charakter jetzt in diesem Moment sieht/hört/riecht. Es geht darum, was er weiß, was er nicht weiß und wie er dadurch die Situation einschätzt.

Klingt klein, verändert aber die ganze Szene.

Plötzlich entstehen Dialoge nicht mehr nur aus Informationen, die ausgetauscht werden müssen. Sie entstehen aus Haltung und aus der Vergangenheit der Figur. 

Charakter-stimme_Moodboard-SmokieThicket

Tonfall ist mehr als schöne Sätze

Ein großer Teil der Arbeit war die Stimme jeder Figur richtig zu treffen. Ich habe mir bei Dialogen immer wieder die Frage gestellt:

Würde diese Figur das wirklich so sagen?

Nicht: Klingt der Satz schön?

Nicht: Ist die Formulierung besonders elegant?

Sondern: Gehört dieser Satz dieser Figur?

Manche Figuren sprechen direkter. Andere weichen aus. Manche versuchen, mit Witz Abstand zu schaffen. Andere kontrollieren jedes Wort. Manche sagen zu wenig, andere zu viel. Manche verletzen, ohne es zu merken. Andere merken sehr genau, was sie tun.

An dieser Stelle ist Vorsicht geboten. 

Figurenstimme bedeutet nicht nur, jedem Charakter ein paar Lieblingswörter zu geben. Es geht um Denkweise, Haltung, Tempo, Wortwahl und darum, was eine Figur bewusst verschweigt.

Dialoge als Charakterprüfung

Ich habe beim Überarbeiten gemerkt, dass Dialoge eine Art Prüfstein sind.

Wenn ich die Namen vor den Dialogzeilen wegnehmen würde: Könnte man trotzdem noch erahnen, wer spricht?

Nicht immer natürlich. Das wäre auch übertrieben. Aber grundsätzlich sollte sich eine Figur nicht beliebig austauschen lassen. 

Also habe ich Dialoge teilweise sehr bewusst geprüft:

Passt die Wortwahl?

Passt die Reaktion?

Ist die Figur gerade zu offen?

Ist sie zu höflich?

Zu weich?

Zu erklärend?

Zu sehr ich?

Gerade dieses letzte „zu sehr ich“ ist beim Schreiben unangenehm, aber wichtig. Ich will ja nicht, dass die Figuren nach mir klingen. Ich will, dass sie sich als Charakter in ihrer eigenen Welt natürlich für den Leser anfühlen. 

Wenn am Ende alle Figuren dieselbe Art haben zu denken, zu sprechen und Konflikte zu lösen, verliert die Geschichte an Tiefe.

Wer sein Wissen über das Schreiben von Dialogen noch vertiefen will, dem kann ich von epubli den Beitrag über lebendige Dialoge empfehlen.

Perspektivdisziplin: Nicht jeder darf alles wissen

Ein zweites großes Hilfsmittel (aber auch ein Hindernis, das ich teilweise nur zähneknirschend  hingenommen habe) war für mich die Perspektivdisziplin.

Ich musste sehr genau darauf achten, aus wessen Sicht ich gerade schreibe. 

Vor jedem Kapitel, vor jeder Szene habe ich mir die Frage gestellt: Welcher Charakter trägt die Veränderung am stärksten? Wer kann die Handlung in diesem Moment wirklich weiterbringen? 

Und natürlich muss man bereit sein, Einschnitte vorzunehmen. Denn es gilt nur das, was die gewählte Figur weiß und wissen kann. Die Art und Weise, wie die Figur denkt und handelt, bestimmt die komplette Szene. 

Es muss also wohl gewählt sein, wem die Szene gehört.

Auch hier stelle ich mir vor dem Schreiben die Fragen, die wichtig sind. 

Was sieht diese Figur?

Was interpretiert sie richtig? Was falsch?

Was übersieht sie, weil sie emotional beteiligt ist?

Gerade bei mehreren Charakteren, die ihre Perspektive einbringen, ist das wichtig. Sonst rutscht man schnell in eine allwissende Erzählhaltung, obwohl die Szene eigentlich nah an einer bestimmten Figur bleiben soll.

Und auch wenn es mich in der ersten Überarbeitungsrunde gereut hat, was ich alles weggestrichen habe, war es am Ende die richtige Entscheidung.

Denn erst so wurde es interessant: Wenn der Leser etwas weiß, was die Figur eben nicht wissen kann. Oder wenn der Leser mit der Figur mitfiebern muss. 

Bei 7 Charakteren war mir dann schnell klar: Jede Perspektive braucht ihre eigene Färbung. Nicht sprachlich, sondern buchstäblich. 

Farbcodes als visuelle Hilfe

Was mir dann überraschend gut geholfen hat, war eine ganz einfache Methode:

Ich habe die Texte farblich markiert. Natürlich nicht, weil ich es bunt mag. Sondern weil ich beim Arbeiten visuell schneller erkenne, bei wem ich gerade bin.

Welche Perspektive schreibe ich gerade? Welche Figur trägt diese Szene?

Wessen Wahrnehmung darf jetzt auf keinen Fall rein. 

Ein weiterer Pluspunkt der farblichen Prägung war es, zu wissen, welche äußeren Einflüsse positiv und welche negativ aufgenommen werden, denn die sich entwickelnden Beziehung unter den Charakteren spielen ja auch eine wichtige Rolle. 

Durch diese Farbcodes wurde für mich sichtbar, was ich vorher immer wieder aus dem Auge verloren habe. 

Ich konnte schneller erkennen, ob eine Figur zu viel Raum bekommt, ob eine Perspektive unsauber wird oder ob eine Stimme plötzlich in eine andere kippt.

Das ist kein magisches Werkzeug, sondern ein sehr einfaches. Genau deswegen ist es fast schon genial.

Wenn ich das Gefühl hatte, etwas entgleist mir gerade, dann habe ich mich an den Farben orientiert, mir das richtige Moodboard geholt und weitergeschrieben.

Moodboard, Stimme, Farbe: Warum das zusammen funktioniert

Für mich greifen diese drei Dinge ineinander:

Das Moodboard erinnert mich daran, wer die Figur im Kern ist.

Die Stimme zeigt mir, wie sie denkt und spricht.

Die Farbcodierung hilft mir, beim Überarbeiten die Kontrolle zu behalten.

Zusammen ergibt das ein sinnvolles System, um den Fokus zu behalten.  Dieses System war erstaunlich hilfreich. 

Ich denke, Schreiben ist nicht nur Talent. Es ist auch ein Handwerk. Und wie es bei jedem Handwerk so ist, gibt es Mittel und Wege, sich zu behelfen.  Schablonen, Lehren und Hilfsmittel.  Der Trick ist, die Hilfsmittel für sein Projekt passend zu wählen.

Gerade bei Figuren bedeutet Handwerk nicht, sie künstlich nach Schema F  zu schreiben. Im Gegenteil. 

Es bedeutet, ihnen genug Aufmerksamkeit zu geben, damit sie lebendig wirken.

Was ich daraus gelernt habe

Sieben Figuren zu schreiben, ist manchmal chaotisch, nervenaufreibend und nur zähneknirschend hinzunehmen.

Es gibt Szenen, in denen alle etwas wollen. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit. Alle haben eine Meinung, eine Angst, einen wunden Punkt oder einen Grund, gerade nicht nachzugeben.

Aber genau das macht die Entwicklung der Geschichte auch so spannend.

Mit sauber gearbeiteten Figuren ist es dann auch nicht mehr so wichtig, dass alle Figuren den gleichen Platz bekommen. Sie können genauso über ihre Handlungen in den Szenen der anderen stark auftreten, ohne eigene Perspektiven zu bekommen.

Am Ende zählt, ob die Figur glaubwürdig ist. 

Und Glaubwürdigkeit entsteht für mich nicht dadurch, dass ich jede Figur bis ins kleinste Detail erkläre.

Sie entsteht dadurch, dass man am Ende eine Figur hat, von der man mehr erfahren möchte. 

Falls du dich jetzt fragst, wie mir all das gelungen ist, schau doch mal auf meiner Buchseite "Allverund" vorbei. Dort wird (hoffentlich beizeiten) eine Leseprobe hinterlegt.

Und hier noch ein kleiner Nachschub: Ich beschäftige mich hier damit, die Charakterstimme zu entwickeln, nicht den Charakter. Das sind zwei unterschiedliche Themen, aber ich werde auf die Charakterentwicklung sicher noch einmal gesondert eingehen.

Ein kleiner Tipp für andere Schreibende

Wenn du selbst mit mehreren Figuren arbeitest, fang nicht zu groß an. Du brauchst nicht sofort ein zwanzigseitiges Charakterdossier.

Vielleicht reichen für den Anfang drei Dinge:

Drei Eigenschaften. Drei typische Reaktionen. Drei Sätze, die nur diese Figur sagen würde.

Und dann schreibe eine Szene, in der zwei deiner Figuren über dasselbe Problem sprechen.

Nicht, um die Handlung voranzubringen. Sondern nur, um ihre Stimmen zu testen.

Wer fragt nach?
Wer weicht aus?
Wer provoziert?
Wer beschwichtigt?
Wer schweigt?

Manchmal lernt man eine Figur nicht kennen, indem man ihren Steckbrief ausfüllt.

Sondern indem man sie handeln lässt.