Was ein gutes Lektorat mit Projektarbeit gemeinsam hat
Im "echten Leben" arbeite ich in der Prozessoptimierung und im Prozessmanagement. Das beeinflusst natürlich auch meine Arbeit als Autorin. Ich bin es gewohnt, strukturiert und zielgerichtet zu arbeiten. Ich kann zwar gut mit Chaos, aber ich hab doch schon gern irgendwie einen roten Faden.
An einer Stelle meines Prozesses bin ich auf einen Punkt gestoßen, der maßgeblich die Qualität meines Manuskriptes beeinflusst: das Lektorat.
Und weil ich eine aufmerksame Leserin in verschiedenen Foren bin, ist mir klar geworden, dass dieses Thema eine hohe Relevanz für viele Einsteiger hat.
Also habe ich mich hierzu mit meiner Lektorin Anastasia Bittel von Schattenwerk Lektorat ausgetauscht und daraus diesen Beitrag ausgearbeitet.
Ein Roman ist ein Projekt
Natürlich ist Schreiben kreativ. Doch spätestens in dem Moment, in dem eine Lektorin/ein Lektor, eine Illustratorin/ein Illustrator oder Testleser dazukommen, wird aus einer Idee ein gemeinsames Projekt.
Und bei einem Projekt muss eins immer glasklar sein:
Was ist mein Ziel?
Erst wenn ich das sicher beantworten kann, überlege ich mir, wie ich mein Ziel erreichen kann und was ich dafür benötige. Ich stecke also die Rahmenbedingungen so fest wie möglich, damit ich später während der kreativen Arbeit mein Ziel nicht aus den Augen verliere.
Aber was hat das jetzt alles mit dem Lektorat zu tun?
An dieser Stelle sei zur Vollständigkeit gesagt, dass ein Korrektorat (hauptsächlich Rechtschreibung und Grammatik) nicht das Gleiche ist wie ein Lektorat, das sich mehr auf inhaltliche Schwächen und Probleme deines Textes konzentriert.
Der Lektor oder die Lektorin arbeitet mit deinem Manuskript. Sie lesen es, sie bewerten es, sie machen dir Notizen und Anmerkungen und korrigieren das ein oder andere vielleicht auch mal.
Und genau das ist die Stelle, die ich so spannend finde!
Weiß der Lektor/die Lektorin denn, worauf du mit deinem Text hinaus wolltest? Ob du genau diesen Tonfall treffen wolltest? Ob du dich bewusst für diese Wortwahl entschieden hast?
Wenn nicht, sitzt du dann nämlich vor einem korrigierten Manuskript mit unzähligen Kommentaren/Änderungen, die du nacharbeiten musst. Du bist frustriert, weil du etwas anderes erwartet hast. Du bist genervt, weil man dir zum fünften Mal die gleiche Wortwahl markiert hat, obwohl du sie extra so gewählt hast. Das wusste halt der Lektor/die Lektorin nicht.
Tja, blöd!
Die gute Nachricht: Die Lösung ist total simpel.
Das Projektdatenblatt
Klingt hochtrabend, oder? Ist es aber nicht.
Das Projektdatenblatt ist letztendlich nur ein einfaches Deckblatt, das du vor dein Manuskript stellst.
Und in diesem Deckblatt beschreibst du dein Projekt so genau wie möglich.
Das Projektdatenblatt sollte folgende Fragen beantworten:
- Zielgruppe
- Ziel des Buches
- Gewünschte Wirkung beim Leser
- Genre
- Prämisse
- Zentrale Themen
- Stil
- Besonderheiten
- Erwartungen an das Lektorat
- Regeln zum Umgang mit KI während des Lektorats
Während man diese Fragen beantwortet, passiert etwas Interessantes. Man erklärt das Projekt nicht nur der Lektorin/dem Lektor. Man erklärt es vor allem sich selbst. Man macht sich intensiv Gedanken über das, was man erreichen will. Man korrigiert noch an der ein oder anderen Stelle. Oder hat vielleicht noch eine Idee, die wichtig wäre, aufzunehmen.
Am Ende hat man die Grundlage für ein Manuskript geschrieben, ein Dokument, das einem während des gesamten Prozesses eine Hilfestellung für die Kommunikation nach außen sein kann.
Ein Gespräch mit meiner Lektorin
Als ich mein Projektdatenblatt "ins Blaue hinaus" einem Manuskript für Kinderbücher mitgegeben habe, war die Resonanz meiner Lektorin recht positiv darauf.
"Man merkt, du machst das nicht zum ersten Mal." war ihre Antwort, was ich lustig finde, denn es war tatsächlich das erste Mal.
Während des Lektorats konnte sie meine Entscheidungen nachvollziehen und das Manuskript aus genau dem Blickwinkel beurteilen, den ich beabsichtigt hatte. Das ist Gold wert. Für mich und für die Person, die den Rotstift ansetzt.
Für mein derzeitiges Romanprojekt Allverund war mir klar, dass ich das Projektdatenblatt beibehalten werde.
Über dieses Konzept habe ich mich anschließend auch mit meiner aktuellen Lektorin Anastasia ausgetauscht.
Sie hat mir bestätigt, dass ein Datenblatt zu Beginn eine große Hilfestellung zur gemeinsamen Beurteilung eines Manuskriptes ist.
Sie erzählte mir, dass für sie zunächst die grundlegenden Eckdaten entscheidend sind.
Titel, Genre, Textlänge, Fristen oder die Frage, ob mehrere Bände geplant sind.
Denn noch bevor ein Probelektorat beginnt, muss sie einschätzen können, ob sie überhaupt die richtige Ansprechpartnerin für dieses Projekt ist. Viele dieser grundlegenden Fragen lassen sich bereits mit einem gut vorbereiteten Projektdatenblatt beantworten. Für eine erste Einschätzung reicht häufig bereits ein gut vorbereitetes Projektdatenblatt zusammen mit einer Textprobe aus. Dadurch können beide Seiten schon früh einschätzen, ob sie gut zusammenarbeiten können.
Es kommen natürlich noch andere Fragen. Zum Beispiel nach Zielgruppe, Erzählperspektive, Stil oder dem zentralen Konflikt.
Über einen Punkt waren wir uns beide einig:
Autorinnen und Autoren sollten möglichst klar formulieren, was sie von einem Lektorat erwarten.
Wir wissen doch alle, dass eine Geschichte auf verschiedene Arten erzählt werden kann. Aber wie die Geschichte erzählt werden soll, das weißt nur du. Und du musst es jedem anderen, der mit dir arbeitet, begreiflich machen können.
Genau diese Erwartung beeinflusst die Zusammenarbeit enorm. Und auch die Qualität, die ein Lektor/eine Lektorin abgeben kann.
Je klarer das Ziel, desto besser das Ergebnis
Genau darin liegt für mich die eigentliche Erkenntnis. Ein Lektorat funktioniert nicht nach dem Prinzip:
"Mach meinen Text einfach besser."
Es funktioniert deutlich besser, wenn beide dieselbe Vorstellung davon haben, was "besser" überhaupt bedeutet.
Soll die Sprache poetischer werden?
Soll sie möglichst schlicht bleiben?
Steht die Figurenentwicklung im Vordergrund?
Oder das Erzähltempo?
All diese Entscheidungen verändern die Art, wie ein Text lektoriert wird.
Gute Vorbereitung spart später eine Menge Nacharbeit
Ich sehe mein Projektdatenblatt nicht mehr nur als Informationsblatt für meine Lektorin.
Es ist gleichzeitig ein Werkzeug für mich selbst.
Denn wenn ich meine Ziele nicht klar benennen kann, wie soll eine andere Person dann meine Ziele erkennen?
Wenn ich die wichtigste Erkenntnis aus diesem Beitrag zusammenfassen soll:
Ein gutes Lektorat beginnt mit guter Vorbereitung, und gute Vorbereitung beginnt mit der klaren Benennung deiner Ziele.
Wenn dir der Beitrag gefallen hat und du noch mehr Tipps suchst, schau dich doch in meiner Schreibwerkstatt um.
