Einleitung - eine Geschichte aus Allverund
Bughul Aguares ist ein Tiefgeborener aus Flammentor, eines der fünf reiche Allverunds. Dort hat Magie ihren Preis. Doch Bughul hat ihn nie bezahlt. Bis zu dem Tag, an dem seine vorbestimmte Zukunft zerbricht.
Als Mitglied eines der vier Adelshäuser ist sein Weg klar gezeichnet. Er wird in die Fußspuren seines Vaters treten und Hüter der gebundenen Wahrheit werden, wie es für das Haus Aguares seit jeher Pflicht ist.
Sein ganzes Leben verbringt er in der schwarzen Kanzlei, dem Sitz seines Hauses. Er absolviert seine Ausbildung im Schwertkampf, in der Etikette des Hofes und genießt die Freiheiten, die er als Adliger besitzt.
Im Verstreichen der Jahre bereitet Tharion Aguares seinen Sohn auf seine kommenden Pflichten vor. Er führt ihn in die Dokumentation und Verwahrung der geleisteten Eide ein.
Er erklärt ihm das politische Machtsystem und die Aufgaben, die alle vier Adelshäuser darin übernehmen.
Und auch auf seinen eigenen Eid bereitet Tharion ihn vor. Die Zeremonie in Eidstadt ist bereits geplant, da geschieht etwas Unerwartetes: Auf einer misslungenen Jagd wirkt Bughul spontan Magie, um sich einer Bedrohung zu entziehen und sein Leben zu retten.
So sehr sich sein Vater über die Rettung seines Sohnes freut, so sehr beschäftigt ihn das unerklärliche Auftreten der Magie bei Bughul. Denn wenn etwas als unumstößliche Wahrheit in Flammentor gilt, dann ist es das verstummte Echo der Magie. Kein Tiefgeborener hörte jemals Aurelithes Echo und war somit von allein in der Lage, Magie zu wirken. Es sind nur die Eide, die eine solche Macht erlauben und dies auch nur mit harten Bedingungen und hohen Preisen.
Anstatt die Eidzeremonie seines Sohnes durchzuführen, sagt Tharion Bughuls Einführung in das Eidsystem ab.
Nichtsahnend, was seine Magie für das System und seinen Vater bedeutet, akzeptiert Bughul Tharions Entscheidung. Während Bughul seine eigenen Fähigkeiten erforscht, widmet sich Tharion den alten Aufzeichnungen, um mehr über die Magie seines Sohnes herauszufinden.
Als ein Bote mit einem eiligen Schreiben aus Strombruch, dem Sitz des Eidfürsten, eintrifft und der Eidfürst sie höchstpersönlich an den Hof einlädt, da ahnt Bughul, dass sich etwas verändern wird. Er ahnt allerdings nicht, wie weitreichend die Konsequenzen dieser Einladung sein werden.
Bevor es zerbricht
Ein Kichern holt Bughul aus dem Schlaf. Vermutlich Nira, das Dienstmädchen.
Bei dem Gedanken an die junge, kecke Tiefgeborene stiehlt sich ein Lächeln in seine Mundwinkel.
Er muss noch einmal eingeschlafen sein, denn als er wieder aufwacht, ist er allein.
Schade.
Er stemmt sich hoch und streckt sich. Kühle Morgenluft und der Lärm der großen Stadt dringen durch die Fenster nach innen.
Während er durch sein Zimmer geht, spürt er unter seinen nackten Füßen abwechselnd die Kälte des steinernen Bodens und die Wärme der ausgelegten Teppiche.
Mit dem Wasser, welches das Mädchen gerade gebracht hat, beginnt er seine Morgenpflege. Sicher ist es vorhin noch kochend heiß gewesen, jetzt ist es nicht mal mehr lauwarm.
Ihm ist mehr nach der lockeren Kleidung, die er für Jagd und Ausritt wählen würde, doch heute verlangt es nach der traditionellen Kleidung seines Standes.
Das Hemd liegt eng an, während die Hose und die Robe weit und luftig sind. In den schwarzen, schweren Stoff sind blutrote Stickereien eingearbeitet. Der Saum ist mit zarten goldenen Fäden bestickt.
Bughul trägt die Kluft mit Stolz. Sie zeigt, wer er ist und wofür er geboren wurde.
Bughul, ein Sohn des Hauses Aguares. Ein Hüter der gebundenen Wahrheit. Das ist die Zukunft, die auf ihn wartet.
Er streicht den Stoff ein letztes Mal glatt, bevor er sein Zimmer verlässt und zu seinem Vater geht.
Nach einer Reise von achtzehn Tagen waren sie gestern am Hofe des Eidfürsten angekommen. Sie sind zuvorkommend empfangen worden und haben Gemächer im oberen Bereich des Schlosses bezogen, die ihnen für die Dauer ihres Aufenthalts zugeteilt worden sind. Eine unabdingbare Höflichkeit, die sie als Mitglieder einer der vier Adelsfamilien verdient haben.
„Guten Morgen, Vater“, dröhnt Bughuls tiefe Stimme, als er das Vorzimmer zu den Räumen seines Vaters betritt.
Sein Vater, der sich gerade über den kleinen Schreibtisch beugt, blickt auf und ein leichtes Lächeln legt sich auf sein Gesicht.
„Sohn, ein guter Morgen war es vor drei Stunden, mittlerweile ist es später Vormittag.“
Der Tiefgeborene richtet sich auf und betrachtet Bughul schmunzelnd.
Tharion Aguares ist für Bughul immer schon ein Vorbild und es erfüllt ihn mit Freude, seinen Vater stolz zu machen. Ihn kümmert es wenig, der Mittelpunkt der ganzen Aufmerksamkeit zu sein.
„Der Schlaf soll mir gegönnt gewesen sein. Wer weiß, welche Tricks Vharos heute Nachmittag sehen will.“
Mit einer leichten Bewegung lässt er seine Hand in Flammen stehen und betrachtet sie fasziniert. Er hat eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, es so einfach aussehen zu lassen. Nächtelang saß er in seiner Kammer und hat geübt. Er hat keinen Lehrer, niemanden, der ihn unterrichten kann. Bughul kann sich kaum vorstellen, zu was er in der Lage wäre, wenn er jemanden hätte, der ihn in dieser Art der Magie unterrichten könnte.
„Heb dir deine Magie für später auf. Und zeige sie nur, wenn Vharos sie sehen will.“
Die Stimme seines Vaters ist mahnend.
„Dem Eidfürsten gebührt unsere Gefolgschaft und unser Respekt. Merk dir das.“
„Selbstverständlich, Vater. Aber was ist mit der ein oder anderen interessierten Hofangestellten? Vharos ist am Hofe scheinbar nicht der Einzige, der Interesse an mir hat“, antwortet Bughul mit einem arroganten Grinsen.
Sein Blick fällt auf eine kunstvoll gefertigte Obstschale, die auf einem Sockel neben einer kleinen Sitzgelegenheit steht. Er nimmt sich daraus eine Frucht und beißt hinein. Süß und warm erfüllt der Geschmack seinen Mund.
Kauend betrachtet er die Schale. Er will nicht wissen, wie viel Kristallgold notwendig ist, um eine so aufwendige Schale herzustellen.
Sein Vater schüttelt derweilen lächelnd den Kopf.
„Wann wird mein Sohn nur endlich damit aufhören, sich zu vergnügen und damit anfangen, sich ernsthaft zu binden.“
Dann hält Tharion doch inne und sieht seinen Sohn ernst an.
„Ich bin mir sicher, Vharos hat meine Ausfertigungen über deine Fertigkeiten mit dem größten Interesse gelesen. Er hätte uns sonst nicht mit so einer Dringlichkeit an den Hof geladen. Heute ist ein wichtiger Tag. Für uns und für Flammentor. Ich hoffe, das ist dir bewusst. Deine Konzentration sollte sich heute nur darauf richten.“
„Keine Sorge, Vater, ich werde deine Ratschläge allesamt ernst nehmen und unser Haus mit dem ihm gebührenden Respekt vertreten. Ich verspreche es.“
Demütig neigt er den Kopf und dreht sich zu seinem Vater um. Sein ausholender Arm streift die Schüssel aus Kristallgold und bringt sie zum Wackeln. Im letzten Moment schafft es Bughul, die Schüssel festzuhalten und zu verhindern, dass sie in tausend Scherben zerbricht.
Das war knapp, denkt sich Bughul. Beinahe wäre heute etwas Kostbares zerbrochen.
Bughul kommt zu spät
Das leise Stöhnen an seinem Ohr lässt Bughul erbeben. Er hat gewusst, dass Nira an seinen Kunststücken interessiert gewesen ist, auch wenn speziell dieses nicht gerade magischer Natur ist.
Als er seinen Vater verlassen hat und die schüchterne Tiefgeborene kichernd an ihm vorbei gehuscht ist, konnte er gar nicht anders, als ihr zu folgen.
Ein kleines Katz-und-Maus-Spiel durch das Schloss hat Bughul gezeigt, dass Nira gar nicht so schüchtern ist, wie er zunächst vermutet hat. Geschickt und verschlagen hat sie ihn genau dort hingelockt, wo sie ihn scheinbar haben wollte. In einer kleinen Kammer abseits der belebten Gänge hat Nira ihm allzu deutlich gemacht, worauf sie aus ist. Und Bughul ist großzügig gewesen.
Als er fertig ist, richtet er seine Kleidung. Nach dem Gespräch mit seinem Vater vorhin will er sich nicht die Blöße geben und unordentlich bei dem Gespräch mit dem Eidfürsten erscheinen.
Bughul stockt. Vorhin … vor wie vielen Stunden war das?
Verdammt.
„Nira!“, zischt er der Tiefgeborenen zu, die halbentblößt mit einem seligen Lächeln auf der harten Pritsche liegt.
„Hmm?“
„Die Anhörung! Habe ich sie verpasst?“
Blitzschnell und mit vor Schreck geweiteten Augen schießt die junge Frau hoch.
„Vielleicht ist noch Zeit.“
Schnell richten sich die beiden gegenseitig ihre Kleidung, bevor Bughul Nira hastig durch die Gänge folgt.
Die Anhörung findet im Thronsaal statt. Sie hat bereits begonnen und die Türen sind verschlossen.
Verdammt. Vater wird mich umbringen.
Bughul will mit den Wachen diskutieren und Einlass verlangen, aber Nira zieht ihn weiter.
„Komm mit. Ich kenne einen anderen Eingang. Einen, bei dem du weniger auffällst.“
Nira lotst ihn weiter durch Gänge und Bughul verliert den Überblick. Ohne Nira hätte er sich längst verlaufen.
Vor einer kleinen, unscheinbaren Tür bleibt sie stehen. Sie deutet mit dem Kopf darauf.
„Von hier kommst du auf die Empore, dann kannst du der Versammlung beiwohnen. Eine kleine Treppe führt dich von dort auch hinunter zum Thronsaal.“
Bughul streift sanft ihr Kinn und entlässt sie mit einem Nicken.
Mit einem leichten Lächeln betritt er die Empore zum Thronsaal.
Die Schlussfolgerung
Die Empore ist bis auf ihn leer, obwohl sie einen guten Ausblick auf die Geschehnisse im Saal liefert.
Obgleich er sich vor den Ermahnungen seines Vaters bezüglich seines Zuspätkommens fürchtet, findet Bughul, dass sich der Tag besser entwickelt als erwartet. Ihm bleibt die lästige Posse erspart, vor Vharos zu buckeln, indem er von hier oben der Versammlung folgt. Wenn es notwendig ist, kann er immer noch über die Treppe dazustoßen. So kann er seinen Auftritt immerhin dramatisch inszenieren
Er grinst, als er näher an das Geländer tritt, sodass er von oben einen guten Blick auf seinen Vater und Vharos hat.
Tharion steht in der Mitte des Saales, vor ihm ein Tisch voller loser Dokumente.
Er liest gerade etwas vor, doch Bughul hört ihm nicht richtig zu. Seine Aufmerksamkeit gehört jemand anderem.
Sie steht an einer Säule gelehnt, die Arme verschränkt, den Kopf schief und die Stirn in Falten gelegt, während sie zuhört, was sein Vater vorträgt.
Seyra Azael. Die älteste Tochter aus dem Hause Azael, dem Haus der Vollstrecker. Es überrascht ihn kurz, sie hier zu sehen, wenngleich es ihn auch nicht wirklich wundert.
Blutwacht und die Hauptstadt liegen nahe beieinander und so ist es nicht verwunderlich, wenn sich die Mitglieder des Hauses Azael am Hofe herumtreiben.
Er kann seine Augen kaum von ihr wenden, während er an die vielen Male denkt, als sie in ihrer Kindheit gemeinsam gespielt haben. Und an die ersten Male, als aus Spielen etwas anderes wurde.
Er grinst, doch er wird jäh aus diesen Gedanken gerissen als sein Name fällt.
„Ich behaupte nicht, zu wissen, was das alles bedeutet. Ich sage lediglich, dass wir über das Echo und die Eidmagie noch nicht alles wissen, was es zu wissen gibt. Bughul ist der lebende Beweis dafür.“
Bughul kennt die Ausführung seines Vaters. Er hat ihn oft darüber sprechen hören, wenngleich er nicht immer so konzentriert zugehört hat. Bughul weiß, dass ein Eid nicht nur ein politisches Statussymbol ist. Je nachdem welche Bedingungen für einen Eid festgelegt sind, liefert ein Eid zweckgebundene Magie. Je größer der Preis, desto stärker die Magie. Bauern leisten einen Eid gegenüber ihren Lehnsherren. Die Lehnsherren leisten einen Eid gegenüber den Oberhäuptern der großen Familien und werden damit zu Eid-Angehörigen. Familienmitglieder leisten ihren Eid den Oberhäuptern der Familie. Und die Oberhäupter selbst leisten ihren Eid nur einem: dem Eidfürsten selbst.
Alles läuft bei Vharos Eidfürst zusammen, dem Gebundenen. Er steht an der Spitze des gesamten politischen Systems. Er gibt seine Befehle nach unten an die Oberhäupter, diese wiederum an ihre Eid-Angehörigen. Und so weiter bis ganz nach unten.
Und wer ganz unten steht, ohne Eid, der hat keinen Wert. Für niemanden.
Während Tharion alte Schriften zitiert, verdreht Bughul gelangweilt die Augen.
Die Tatsache, dass Bughul Magie wirken kann, ohne je einen Eid geleistet zu haben, bedeutet für Tharion nur eins: die Notwendigkeit einer neuen Bewertung des gesamten Eid-Systems.
Und das ist der Grund, warum sie den langen Weg auf sich genommen haben. Um Tharions Erkenntnis darüber vorzutragen.
Die letzten Worte seines Vaters hallen durch den Thronsaal, in dem es still geworden ist.
Als würde Tharion das Stirnrunzeln seines Sohnes hören, sieht er kurz auf und ihre Blicke kreuzen sich. Sein Vater sieht zufrieden mit seinem Vortrag aus.
„Dein Junge wirkt Eidmagie.“
Vharos’ Stimme hallt durch den Saal wie herannahender Donner. Der Tiefgeborene mag alt sein, doch an Kraft hat er über all die Jahre nicht verloren.
„Nein, mein Fürst. Bughul ist noch ungebunden. Sein Eid war für dieses Jahr geplant. Doch dann begann bei ihm das Wirken der Magie. Er ist ungebunden“, sagt Tharion mit Nachdruck.
Der Fürst beugt sich auf dem schwarzen Thron vor und mustert Tharion.
„Und wer versichert dir, dass es so ist? Er könnte heimlich einen Eid abgelegt haben. Seine ganze Magie könnte aus einer simplen Lüge stammen.“
Bughul verkrampft sich. Unterstellt ihm sein oberster Fürst etwa, ein Lügner zu sein? Gerade ihm, einem Sohn des Hauses Aguares, das für Weisheit und Wahrheit steht! Kurz vergisst er, wem sein Respekt gehören sollte, er will etwas rufen, aber der strenge Blick seines Vaters lässt ihn innehalten.
„Ist er hier? Dein Sohn? Dann befragen wir ihn direkt.“
Wie aufs Stichwort treten zwei Männer aus den Reihen der Zuhörer. Eidleister an die Familie Beladur, wie Bughul an dem Emblem auf ihrer Kleidung erkennt.
Das Haus der Ordnung ist ebenfalls anwesend? Unschlüssig sehen sie sich in den Reihen um, doch nach oben schauen sie nicht.
Er wird sich diesen Vorwürfen gemeinsam mit seinem Vater stellen, so viel ist sicher.
Gerade wendet sich Bughul zur Treppe, da lässt ihn die Stimme seines Vaters ein weiteres Mal innehalten.
„Mein Sohn ist nicht hier.“
Stirnrunzelnd dreht er sich um.
Nicht hier? Was für ein Spiel treibt Vater da?
„Und wo ist er? Ich hatte euch beide einbestellt!“, ruft Vharos zornig.
„Verzeiht, mein Fürst. Ich fürchte, die Ablenkung der Hauptstadt ist für einen Jungen seines Alters einfach zu viel, um sich für eine rege Versammlung vor Hofe zu interessieren.“
Das ist doch Irrsinn. Ich stehe genau hier und Vater verleugnet mich?
Bughul tritt näher an das Geländer, beugt sich hinüber. Er wird das aufklären. Er will seinen Vater und sich nicht in schlechtes Licht rücken.
Aber gerade, als er die entstandene Stille ausnutzen will, schaut er noch einmal zu seinem Vater.
Der Blick von Tharion ist hart. Als würde er wissen, dass Bughul ihn beobachtet, schüttelt er kaum merklich den Kopf. Er gibt Bughul zu verstehen, wie er sich nun zu verhalten hat. Ruhig.
Und Bughul gehorcht.
Als Vharos’ Stimme das nächste Mal durch den Saal dröhnt, klingt sie gefährlich leise.
„Deine Beobachtungen, Tharion, könnten ein Irrtum gewesen sein.“
Bughuls Kopfhaut beginnt zu prickeln, als ihm etwas klar wird.
Er gibt dir einen Ausweg, Vater. Nutze ihn.
Eidleister der Familie Beladur. Die Familie Azael. Dort hinten sieht er das Oberhaupt der Familie Dentaris. Keine Diener, keine niedrigen Ränge. Diese politische Versammlung ist scheinbar nur für ausgewählte Mitglieder aus Vharos’ Rat.
Was geht hier nur vor?
Tharion Aguares schüttelt mit erhobenem Haupt den Kopf.
Bughul flucht leise.
Vater, wenn du weitermachst, werde ich die nächsten Tage damit beschäftigt sein, dich aus dem Kerker holen zu müssen.
„Ich behaupte nicht zu wissen, was Bughuls Fähigkeiten für das Eidsystem bedeuten. Ich sage lediglich, dass wir wegen seiner Fähigkeiten über die Funktion der Eide sprechen müssen. Bughuls Magie verändert … alles.“
Da ist er wieder, dieser Hall von Stolz in der Stimme seines Vaters und Bughul denkt unwillkürlich an den letzten Sommer.
Er ist bereit dazu gewesen, seinen Eid abzulegen und seine Treue dem Haus Aguares und dem Eidfürsten zu schwören.
Doch dann wirkte er das erste Mal spontan Magie, etwas, das ohne geleisteten Eid unmöglich sein sollte.
Er ist immer noch bereit, seinen Eid abzulegen, aber es ist sein Vater, der die Zeremonie aufschiebt. Der erst näher erkunden will, was es für ihn und das gesamte politische System bedeutet.
Ein Gespräch kommt Bughul wieder in den Sinn. Keltor, ein Eid-Aguares und enger Ratgeber seines Vaters, mahnte zur Achtung: „Vharos wird es nicht gefallen, wenn du das System in Frage stellst, Tharion. Sei vorsichtig.“
Sei vorsichtig, Vater. Wenn sie dich festnehmen, weiß ich nicht, was ich tun soll.
Bughul verkrampft sich, als ihm das klar wird. In all den politischen Feinheiten hat er sich selbst stets zurückgehalten. Er ist seinem Vater gefolgt, doch er selbst hatte nie Entscheidungen treffen müssen.
Es wird ihm mulmig bei dem Gedanken, er müsse bei Vharos Gnade für seinen Vater erbitten. Würde der Eidfürst einen Eid erwarten? Sollte Bughul dem dann nachgeben? Immerhin hatte sein Vater immer wieder die Zeremonie aufgeschoben.
„Du wirst deinen Sohn hierherbringen, Tharion. Wir werden seine Fähigkeiten unter meiner Aufsicht weiter beobachten.“
Bughul stutz. Das hat er nicht erwartet. Er soll hier am Hof bleiben? Und was bedeutet es, seine Fähigkeiten unter Aufsicht stellen zu lassen. Er sieht zu seinem Vater.
Tharion blickt fest und entschlossen zum Fürsten. Er wirkt weniger gelassen als noch vor wenigen Augenblicken. Bughul kennt den Ausdruck auf seinem Gesicht gut, doch er hat nicht erwartet, diesen Blick jemals auf dem Gesicht seines Vaters zu sehen, während dieser vor dem Eidfürsten Rede und Antwort stehen muss.
Es ist ein Ausdruck, der keine Widerworte duldet.
„Mit Verlaub, mein Fürst. Wenn nur untersucht werden darf, was das bestehende System bestätigt, suchen wir nicht länger nach Wahrheit. Ich muss das entschieden ablehnen.“
Der Speer
Resigniert lässt Bughul den Kopf hängen.
Oh Vater, was ist nun mit „dem Eidfürsten gebührt unser Respekt“? So werde ich dich nie aus dem Kerker holen können.
Bughul stöhnt, als ihm die Unmöglichkeit seiner Aufgabe klar wird. Dann hält er inne.
Ein verräterisches Flirren in der Luft versetzt ihn in Alarmbereitschaft. Er reißt den Kopf hoch.
Gerade noch rechtzeitig, um etwas zu sehen, was er sein Leben lang nie wieder vergessen wird.
In Vharos’ Hand bildet sich dunkle, knisternde Magie. Sie formt sich zu einem Speer aus Schatten. Ohne weitere Worte trifft der schwarze Speer Tharion Aguares, den Hüter der gebundenen Wahrheit, mitten ins Herz.
Ungläubig sieht Bughul zu seinem Vater. Ihre Blicke halten sich fest, dauern eine kurze Ewigkeit an, bevor das Leben aus Tharions Augen weicht und sein Vater zusammenbricht.
Eine Welle der Aufregung geht durch den Saal, Rufe werden laut, doch für Bughul klingen die Stimmen als wären sie ein fernes Rauschen.
Wie in Zeitlupe gleitet sein Blick von seinem toten Vater hinüber zu dem Mann, der für dessen Tod verantwortlich ist. Dem Mann, dem Tharion stets den größten Respekt entgegengebracht hat.
Vharos sitzt noch immer auf seinem Thron. Die ausgestreckte Hand sinkt langsam herab. Sein Gesicht ist regungslos. Kein Triumph. Kein Entsetzen. Keine Reue.
Bughul findet darin nichts, das ihm erklärt, was gerade geschehen ist.
In diesem Moment sieht er in Vharos nur einen Mörder.
Bughuls Gedanken kreisen.
Das kann er nicht tun! Nicht, wenn so viele anwesend sind. Vharos muss sich dafür rechtfertigen!
„Bringt seinen Sohn!“, ruft jemand.
Bughul macht Anstalten sich der Treppe zuzuwenden, da greift ihn jemand am Handgelenk und zieht ihn zurück.
Bughul wirbelt herum.
Seyra Azael!
Sie sieht ihn mit einem undurchdringlichen Blick fest an und zieht ihn von dem Geländer weg.
„Sie töten dich, wenn du jetzt nicht gehst.“
„Aber … mein Vater …“
Bughul dreht sich erneut um und schluckt.
„Mein Vater …“
„Dein Vater ist tot! Und du wirst es auch sein. Komm jetzt!“
Energisch zieht die junge Tiefgeborene ihn durch die Tür. Wie benommen folgt Bughul ihr durch Gänge und Türen. Er lässt sich durch die steinernen Hallen ziehen, dreht sich nur ab und zu um.
Versucht zu verstehen, was gerade eben passiert ist. Man hat seinen Vater hingerichtet. Nein! Ermordet. Keine richtige Anhörung, kein Richtspruch, keine standesgemäße Hinrichtung.
Das war Mord. Er denkt zurück an Vharos’ Gesichtsausdruck, nachdem er den Speer geworfen hat. Es war ihm völlig gleichgültig. Als würde das Leben seines Vaters nichts bedeuten.
Zorn kocht in ihm auf, er reißt sich aus Seyras Griff los, doch blitzschnell wirbelt sie zu ihm herum, drückt ihn gegen die Wand und hält ihn fest.
Ihr Griff ist eisern, stark und entschlossen. Das hat Bughul nicht erwartet.
„Ich weiß, du bist aufgewühlt. Aber du wirst sterben, genau wie dein Vater. Wenn du Vharos jetzt gegenübertrittst, wird das kein gutes Ende für dich nehmen.“
Mitleid huscht in ihren Blick, ihr Gesicht wird weich. Eine Erinnerung an längst vergangene Tage. Sie schüttelt betroffen den Kopf.
„Tu das deinem Vater nicht an. Nicht so.“
Bughul gibt seinen inneren Widerstand auf. Verliert sich in den dunklen Augen, in denen er Trost findet. Er senkt seinen Kopf und legt seine Stirn an ihre.
„Er hat ihn ermordet, Seyra. Vor all den anderen. Warum bin dann ich der, der sterben soll?“
Doch Seyra schweigt. Sie lässt Bughul diesen kurzen Moment des Friedens, dann zieht sie ihn weiter.
„Komm jetzt. Du musst hier weg.“
Sie zieht ihn weiter, hindurch durch eine schmale Tür und einen niedrigen Gang. Wenig später sind sie im Stall.
Entschlossen schreitet Seyra die Boxen ab bis sie vor Bughuls Fahlem stehen bleiben. Sie öffnet die Box und schiebt ihn hinein.
„Reite. Reite schnell und dreh dich nicht um.“
„Warte. Was ist mit all meinen Sachen? Was ist mit der Pflicht gegenüber meinem Haus?“
Seyra sieht ihn ernst und traurig an.
„Die ist zerbrochen.“
Mit diesen Worten gibt sie dem Fahlen einen kehligen Befehl und scheucht ihn aus der Box.
Das Reittier galoppiert los, prescht über den Innenhof und durch das Tor.
Zu Bughuls Glück sind die Wachen noch nicht informiert und er kann das Schloss unbehelligt verlassen.
Er wirft einen letzten Blick zurück. Dort steht sie. Seyra Azael, die zukünftige Vollstreckerin des Eidfürsten, und lässt ihn gehen.
Nicht mehr nach Hause
Nachdem Bughul die Hauptstadt verlassen hat, ist er die ersten Tage Richtung Heimat geritten. In der schwarzen Kanzlei wäre er sicher, immerhin ist man dem Haus Aguares dort des Eides wegen verpflichtet.
Doch dann hat er es sich anders überlegt und eine Route Richtung Nyxgrat eingeschlagen, dem großen Gebirgszug im Westen.
War das eine gute Entscheidung? Immerhin hat er damit seinen Vorsprung gegenüber seinen Verfolgern verspielt.
Wenn er überhaupt verfolgt wird. Vielleicht war das alles nur ein Missverständnis. Vielleicht …, nein! Für diese Gedanken schilt er sich innerlich.
Vharos hat seinen Vater sicher nicht wegen eines Missverständnisses ermordet.
Immer wieder geht er gedanklich durch, was passiert ist.
Was dazu geführt hat, dass sein Vater diese Anhörung nicht überlebt hat.
War es ein abgekartetes Spiel? War von vornherein klar, dass sein Vater für seine Zweifel sterben musste?
Und warum war Seyra dort? Und hatte ihm geholfen?
Wäre sie nicht eine der Ersten, die Vharos’ Befehlen Folge leisten musste?
So viele Fragen. Keine Antworten.
Bughul ist seit einigen Tagen unterwegs und mittlerweile an den Ausläufern des Nyxgrat angekommen. Der Fahle tut ihm gute Dienste, doch auch er ist langsam erschöpft.
Dem Tier zuliebe steigt Bughul ab und führt ihn an den Zügeln, während er nah am Waldsaum entlanggeht.
Den Mantel der Adels-Kluft hat er abgelegt und über den Sattel gelegt. Es ist zu heiß, um ihn zu tragen.
Der Tiefgeborene, der seinen Weg kreuzt, erkennt ihn trotzdem sofort als Adligen.
Die beiden Männer bleiben stehen. Sehen sich an.
Ein einfacher Bauer, oder Jäger, mutmaßt Bughul. Ein Ungebundener.
Eidlosen ist es untersagt, den Adel anzusprechen. Manch einer wird schon für zu lange Blicke bestraft.
Und trotzdem mustert dieser Mann ihn so unverhohlen, dass Bughul erst ärgerlich und dann beschämt wird.
Der Mann legt den Kopf schief.
„Ihr seid kein Azael. Sonst würde mein Rücken schon einige Eurer Peitschenhiebe tragen.“
Bughul schüttelt den Kopf.
„Agur…“, setzt er an, doch es kommt nur ein heiseres Kratzen. Er hat seit Tagen nicht mehr laut gesprochen. Er räuspert sich.
„Aguares.“
Der Mann ihm gegenüber nickt, er nimmt seinen Wasserschlauch und reicht ihn Bughul.
„Aguares? Euch hat man hier nicht oft. Braucht Ihr Hilfe?“
Bughul will verneinen. Er braucht keine Hilfe von einem Bauern. Er ist immerhin der Sohn eines der großen Häuser.
Der Fahle schnaubt und Bughul besinnt sich eines Besseren. Das ist vielleicht nicht der Zeitpunkt für falschen Stolz.
„Mein Fahler braucht Hilfe. Er benötigt eine Pause. Wir sind weit geritten in den letzten Tagen.“
Der Bauer nickt.
„So seht ihr aus. Kommt mit.“
Zögernd folgt Bughul dem Bauern. Fast schon rechnet er mit einem Hinterhalt, doch er hält es für unmöglich, dass Neuigkeiten des Eidfürsten einen so entlegenen Ort schneller erreichen als er selbst.
Schnell stellt er fest, dass sein Misstrauen unbegründet ist.
Der Bauer hat ein einfaches Haus am Waldrand. Daneben steht ein kleiner Stall.
Der Bauer weist darauf.
„Umsorg dein Tier. Gib ihm Stroh. Danach komm rein. Meine Frau hat gekocht.“
Nachdem Bughul sein Tier versorgt hat, betritt er zögernd das Haus.
Es ist … schäbig. Zusammengezimmert aus schiefen Holzplanken, manche Stellen notdürftig repariert. Die Möbel selbst zusammengezimmert, scheinbar aus Holz, das die Bewohner gefunden und als passend empfunden haben.
Er zögert kurz, am liebsten würde er einfach weiterreiten, nach Hause, in die Hallen, in denen er aufgewachsen ist. Aber etwas lässt ihn zögern. Vielleicht ist es nicht nur sein Reittier, welches dringend eine kurze Rast benötigt.
Also setzt er sich zu dem Bauern und seiner Frau und genießt deren Gastfreundschaft.
Die Schüssel mit Eintopf, die die Frau ihm wie selbstverständlich vor die Nase stellt, sieht mehr als fragwürdig aus.
„Unser Gast will den Eintopf nicht essen“, sagt die Frau schmunzelnd, als sie ihren Mann anstupst. Dieser brummt.
„Muss er ja nicht.“
„Reparierst du morgen den Zaun? Ich habe heute schon wieder einen ungebetenen Gast von meinem Feld vertreiben müssen.“
„Ich repariere den Zaun, ich harke die Felder, was soll ich morgen noch alles erledigen damit du zufrieden bist?“, fragt der Mann schlecht gelaunt zurück.
Zwischen den beiden entsteht ein kurzer Streit, bis sie sich geeinigt und die anstehenden Aufgaben zur Zufriedenheit beider verteilt haben.
Bughul folgt dem Wortgefecht fasziniert. Wo er herkommt, gibt es selten Widerworte.
Ohne darüber nachzudenken, stellt er eine Frage, die ihm durch den Kopf geht.
„Wem seid Ihr verpflichtet?“
Der Bauer grunzt.
„Scheinbar meiner teuren Frau, wie Ihr gerade mitbekommen habt.“
Bughul schüttelt den Kopf.
„Ich meine Euren Eid.“
„Hab keinen.“
Bughul wusste das natürlich. Warum auch sollte jemand einem einfachen Bauern einen Eid gewähren? Was könnte jemand wie er schon im Gegenzug für Macht geben?
Die Eidlosen, die Ungebunden, sind die Niedersten in ganz Flammentor.
Aber ist er das im Grunde nicht auch? Ein Ungebundener? Ein Eidloser? Macht ihn die Tatsache, ein Aguares zu sein, zu einem wichtigeren Eidlosen als diese beiden Bauern?
Und noch etwas beschäftigt Bughul.
Über Eidlose herrschen gewisse Vorurteile. Doch diese beiden hier widerlegen alles, was Bughul zu wissen glaubt. Sie leben nicht in vollkommener Anarchie, sie sind keine verwahrlosten Plünderer.
Sie bestellen ihre Felder, sie gehen zum Markt. Es sind einfach zwei Tiefgeborene, die ihr Leben leben, wie sie selbst es für richtig erachten.
Es fällt ihm schwer, das was er sieht, mit dem in Einklang zu bringen, was er meint zu wissen.
Der Mann holt Bughul aus seinen Gedanken.
„Wenn Ihr nicht bleiben wollt, geht. Wenn Ihr bleiben wollt, esst. Eure Entscheidung.“
Meine Entscheidung?
Bughul bleibt. Er isst. Unterhält sich und lernt seine Gastgeber kennen.
Sie gewähren ihm ein Lager für die Nacht.
„Ich werde Euch morgen dabei helfen, diesen Zaun zu reparieren.“
Der Mann, Garlar, und seine Frau Lale lachen.
„Könnt Ihr das denn? Arbeiten?“
Bughul zuckt mit den Schultern.
„Es wird schon nicht so schwer sein, einen Holzpflock in die Erde zu rammen.“
Die Scherben
Bughul holt aus, schlägt zu und schafft es, den Pflock noch ein paar weitere Zentimeter in den Boden zu arbeiten. Er schnauft. Schweiß läuft ihm die Stirn hinunter. Die Erde ist hart und trocken und nur bedingt bereit, für den Pflock Platz zu machen.
Doch Bughul ist fest entschlossen, diese einfache Aufgabe aus eigener Kraft zu bewältigen.
Garlar sitzt gut gelaunt auf einem Baumstamm und beobachtet ihn.
Er wohnt sein Leben lang schon an den Ausläufern des Nyxgrat, genau wie seine Eltern vor ihm. Seine Mutter war Kräuterfrau und hat tief in den Gebirgen nach Kräutern gesucht. Seine Familie ist von jeher ungebunden, aber das hat sie nie gestört. Nicht so weit draußen, weit weg von dem Einfluss der Adelshäuser.
Bughul lernt in der kurzen Zeit viel über ihr Leben als Eidlose. Einmal damit angefangen, kann er nicht aufhören, Fragen zu stellen.
Garlar beantwortet sie ehrlich und aufgeschlossen.
Es ist später Mittag, als der Zaun endlich steht und die beiden Männer eine Pause machen.
Garlar schöpft Wasser aus einem Brunnen und streut eine Kräutermischung hinein.
Bughul genießt das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Ob er sich dieses Leben vorstellen kann? Einfach, ohne Luxus, dafür aber frei?
Lelas herannahende Schritte lassen ihn aufhorchen. Sie trägt einen Korb unter den Armen. Ihr weiches Gesicht ist verkniffen und sie mustert Bughul mit einem Blick, den er nicht direkt deuten kann.
Mitleid?
„Es gibt Kunde vom Markt“, eröffnet sie ohne Umschweife ein Gespräch, als sie zu den beiden Männern tritt und den Korb abstellt.
„Ein Bote war dort. Er rief aus, dass Tharion Aguares seine Treue gegenüber dem Eidfürst gebrochen hat. Er wurde hingerichtet. Sein Sohn werde gesucht, um sich für das Weiterbestehen seines Hauses zu verantworten.“
Zorn brodelt in Bughul auf. Entzürnt springt er auf. Vor Wut entlädt sich ein Schattenblitz aus seiner Hand und kracht in einen naheliegenden Baum.
„Das ist so nicht gewesen! Mein Vater hat seinen Eid nicht gebrochen! Vharos hat meinen Vater ermordet!“
Lela schlägt erschrocken die Hände vors Gesicht.
Garlar zuckt unbeeindruckt mit den Schultern.
„Ich kenn mich nicht aus mit der Politik der großen Häuser. Aber ich schätze es gilt, was der Fürst sagt. Es spielt keine Rolle, was wirklich passiert ist.“ Dann schaut er Bughul ernst an. „Wenn sie Euch suchen, werden sie uns hinrichten, wenn sie herausfinden, dass Ihr bei uns seid. Ihr könnt hierbleiben. Wir vertreiben Euch nicht. Unsere Stellung lässt ohnehin nichts anderes zu. Aber Ihr müsst mit den Konsequenzen leben, die kommen, wenn sie Euch hier finden. Eure Entscheidung.“
Da war sie wieder. Diese Freiheit. Meine Entscheidung.
Bughul senkt den Kopf. Er will keine Entscheidung treffen. Er ist es nicht gewohnt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Doch nun muss er es. Da ist niemand mehr, der über ihm steht.
Vater, was soll ich jetzt tun?
Er hört in sich hinein, versucht, die lehrende Stimme seines Vaters aus seinem Innersten zu holen, doch die vertraute Stimme bleibt stumm.
Bughul ist allein. Mit trotziger Entschlossenheit presst er seine Kiefer zusammen, als diese zu Beben beginnen.
In seinem Innersten wütet ein Sturm. Zorn und Wut fegen durch ihn hindurch und reißen an den Rändern seines Bewusstseins. Ihm ist nach schreien und toben zumute.
Doch es sind nur einzelne Tränen, die viel zu still seine Wange hinunterrinnen. Er sieht dabei zu, wie die Zeugen seines Schmerzes auf den Boden tropfen und auf der harten Erde vertrocknen.
Entschlossen hebt er den Kopf. Tränen und Kummer werden ihn nicht weiterbringen. Sie werden ihn lähmen und das wird sein Verderben sein.
Der Tod seines Vaters hat ihn gleichermaßen auch befreit. Das ist der Gedanke, den er festhalten wird, beschließt er grimmig.
Und nun muss er das Beste aus seiner Freiheit machen.
Er kann nach Strombruch zurückgehen, gegenüber Vharos einen Eid ablegen und das Vermächtnis von Haus Aguares weiterführen.
Er kann sich weiter vor Vharos’ Häschern verstecken, und das freie Leben eines Eidlosen leben.
Er könnte zurück zur schwarzen Kanzlei, den Eingang zum Schlund militärisch sichern und eine offene Rebellion gegen Vharos führen.
Er hat jetzt all diese Möglichkeiten. Er ist ungebunden, er ist frei und wird es mit stolz sein.
Wieder zuckt die Erinnerung an die letzten Momente seines Vaters durch Bughuls Geist und er erkennt, dass es eine weitere Möglichkeit gibt.
Sein Vater starb für das Bild einer größeren Wahrheit, die nur er gesehen hat.
Ein Bild, das zerbrochen ist, als Vharos ihn getötet hat.
Was, wenn sein Vater Recht hatte? Wenn sie die Funktion des Eidsystems grundsätzlich in Frage stellen müssen? Wenn er selbst, Bughul Aguares, der Schlüssel dazu ist?
Was bedeutet das dann für ihn?
Entschlossen steht Bughul auf. Er geht zu dem kleinen Stall und holt den Fahlen.
„Habt Dank für eure Gastfreundschaft. Ich stehe in eurer Schuld. Aber ich werde nicht euer Leben riskieren, um meins zu schützen. Wenn sie kommen, war ich nicht hier.“
„Was werdet Ihr jetzt tun, Bughul Aguares?“
Bughul steigt auf und zieht die Zügel straff. Ausgeruht und voller Kraft tänzelt der Fahle auf der Stelle.
„Ich werde die Scherben zusammenlesen, die mein Vater mir hinterlassen hat.“
Damit gibt er dem Fahlen den Befehl und prescht ohne ein weiteres Wort des Abschiedes los.
Für ihn beginnt nun ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel.
Doch er wird bereit sein. Er kennt sich und weiß um seine Fähigkeiten. Er wird trainieren und er wird lernen.
Und wenn er Vharos erneut gegenübertritt, dann wird er ihm ebenbürtig sein.
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