Einleitung
Diese Geschichte spielt einige Jahre bevor Smokie Thicket in Nebelwacht das Handelsschiff „Die Seeratte“ besteigt.
Seit zwei Jahren ist sie schon der Schützling des bekannten Barden Kel Korin, der Zweiklang. Sie begleitet ihn auf seinen Reisen, während er versucht, ihr beizubringen, was es bedeutet, ein Barde zu sein. Kel lebt streng nach den Grundsätzen des Refugiums. Integrität, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.
Smokie ist dankbar, in Kel einen Vertrauten und in dem Refugium eine Heimat und eine Aufgabe gefunden zu haben. Die Ausbildung zur Bardin ist anspruchsvoll, aber Smokie lernt schnell. Doch nur weil einem etwas in der Theorie klar ist, heißt es nicht, dass man es in der Praxis auch anwenden kann.
Mit dieser Tatsache muss sich Smokie während ihrer Ausbildung des Öfteren auseinandersetzen. Der Weg, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen, scheint sich länger zuziehen, als sie anfangs erwartet hat, und rutscht, mit zunehmenden Misserfolgen, für sie gänzlich in eine unerreichbare Entfernung.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.
Denn wenn Smokie eines nicht verstreichen lassen kann, dann ist es eine günstige Gelegenheit, um ihr Münzsäckchen zu füllen.
Ertappt
„Ei Ei Ei“, sagt Smokie schmunzelnd, als sie daran denkt, wie knapp ihre Flucht gelaufen ist. Sie klettert gerade rückwärts über den Fenstersims zurück in ihr Zimmer.
Ihr kleiner Beutezug ist erfolgreich, wenn auch etwas risikoreich gewesen.
In der Nachtluft hängen noch die Geräusche und Gerüche des Marktes, der auf den Straßen von Dämmerfels stattgefunden hat.
Ihre feine Nase hat immer noch den herben Geruch des Wollhorn-Käses in der Nase, der mit kleingehackten Glanzblüten angereichert war. Er ist köstlich gewesen.
In ihrem Zimmer angekommen, dauert es einen kurzen Moment, bis andere, weniger kräftige Gerüche zu ihr durchdringen.
Ihre Nase zuckt. Smokie wird stocksteif.
Ertappt.
Langsam dreht sie sich um.
Er sitzt auf dem Stuhl in der Ecke. Die Melodie, die er spielt, klingt missbilligend.
Oh oh.
„Nun, Smokie Thicket“, seufzt Kel Korin, ihr Mentor.
„Mir gehen langsam die Ausreden aus, dich vor dem Gremium zu verteidigen. Es fällt ihnen schwer, ernste Bestrebungen deinerseits zu erkennen und ich frage mich gerade, wie das Plündern auf der Straße dir dabei helfen soll, die Kunst der Barden besser zu verstehen.“
Kels Stimme ist leise und gesetzt. Und trotzdem klingt in ihr die gleiche Geduld mit, wie an dem Tag, an dem sie sich kennengelernt haben. An dem er sie gefunden und von der Straße geholt hat.
Smokie ist bewusst, dass seine Geduld keine unendliche Ressource sein kann.
Und sie weiß, dass er recht hat. Sich auf die Straße zu schleichen, um ein paar Händler einige Münzen leichter zu machen ist nichts, was sie nötig hat.
Seitdem sie am Refugium der Künste die Ausbildung zur Bardin angetreten hat, hat sie ein Dach, warme Mahlzeiten, Kleidung.
Stehlen ist längst nicht mehr lebensnotwendig. Es ist eine Gewohnheit. Noch dazu eine schlechte Gewohnheit.
Ihre Schultern sacken nach unten.
„Es tut mir leid“, sagt sie kleinlaut und hofft, dass diese Entschuldigung ein weiteres Mal ausreichen wird.
Kel schüttelt den Kopf, doch er sagt nichts mehr. Er sieht sie nur mit diesem durchdringenden Blick an. Diesem Blick, der sie immer ganz besonders herausfordert.
Das ist für Smokie weitaus unangenehmer, als wenn er sie geradeheraus schelten würde. Nun muss sie raten, was er denkt, und ihre Gedanken rasen im Kreis.
„Ich …“, fängt sie an, stoppt dann aber wieder.
Gerne würde sie Kel von ihren Zweifeln erzählen. Sie will ihm erzählen, dass sie die Musik nicht so spürt, wie er es ihr immer und immer wieder vorlebt.
Sie will ihm von der Angst erzählen, seinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.
Trotzdem schweigt sie.
Ihr Zimmer im Refugium zu verlieren wäre schlimm. Kels Vertrauen zu verlieren wäre schlimmer.
Sie weiß nicht, was er tun würde, wenn sie ihm ihre Bedenken anvertraut.
„Das muss aufhören.“ Kel steht entschlossen auf und wendet sich zum Gehen.
In der Tür bleibt er kurz stehen und dreht sich noch einmal zu ihr um.
„Morgen früh, beim ersten Licht des Tages, bist du bereit für einen Zwei-Tages-Marsch. Sieh zu, dass du alles hast, was du brauchst.“
Damit verlässt er Smokies Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
Die Aussicht, den Unterricht sausen zu lassen und dafür mit Kel loszuziehen, wirkt auf Smokie wie fünf Becher Veilsud.
Zu aufgekratzt, um ans Schlafen überhaupt zu denken, bereitet sie ihren Reiserucksack vor.
Sorgfältig wählt sie aus, welche Ausrüstung sie mit sich führen wird.
Ihr Blick fällt auf die Flöte, die auf dem kleinen Beistelltisch liegt. Ein leichtes und lustiges kleines Instrument.
Wieder kriecht der Zweifel in ihren Pelz. Es ist nicht so, dass sie dem Musizieren nichts abgewinnen kann. Im Gegenteil. Sie findet großen Gefallen daran.
Aber wenn sie spielt, dann ist es meist nur platte Musik aus einer einfachen Flöte. Mehr nicht. Manchmal kommt es ihr so vor, als wollte die Flöte einfach nicht mit den richtigen Tönen rausrücken.
Sie hat Kel musizieren sehen. Sie hat erlebt, was die Töne seiner Laute bewirken können.
Was ein echter Barde tun kann.
Kurz zögert sie, doch dann packt sie die Flöte trotzdem ein. Neben dem, was Kel tun kann, fühlt sie sich klein.
Aber vielleicht hat Kel recht mit dem, was er ihr immer wieder versucht einzuprägen.
Vielleicht kann sie wirklich über sich hinauswachsen.
Sie hofft es so sehr.
Nachdem Smokie sich sicher ist, dass ihr Rucksack ausreichend gut gepackt ist, lässt sie sich auf ihr Bett fallen und streckt sich aus.
Wohin werden sie diesmal gehen? Sie kann es kaum erwarten, das herauszufinden.
Strafe muss sein
Als sich am nächsten Tag die Sonne über das nordöstliche Firmament schiebt, schiebt sich Smokie ungesehen aus der Küche. Sie hat sich noch etwas extra Proviant besorgt.
Kel kalkuliert mit den Rationen meistens etwas zu knapp für Smokies Geschmack.
Gut gelaunt tritt sie in den Hof des Refugiums, aber als sie die drei Gestalten erblickt, bleibt sie wie angewurzelt stehen.
Kel wartet bereits auf sie. Ohne seine Reisekluft.
Dafür hat allerdings jemand anders seine Reiseausrüstung bereit.
Neben Kel steht ein Zwerg. Seine klugen Augen blitzen schelmisch durch die dicke Brille, die er auf der Nase trägt. Neben ihm steht eine, im Vergleich zu dem Zwerg gigantische, Schnecke, auf deren Haus ein Sattel befestigt ist.
Mist. Das hat sie nicht kommen sehen.
Harbeck Witzbart und sein Begleiter Herr Slibberich von Gleitfuß sehen sie leicht belustigt, leicht schadenfroh an. Soweit eine Schnecke eben schadenfroh wirken kann.
Mit diesem Gespann war Smokie das ein oder andere Mal … aufeinandergetroffen. Mit anderen Worten: Smokie hat den guten Harbeck Witzbart bereits öfter um ein paar Münzen erleichtert. Leider ist sich Harbeck Witzbart darüber genauso gut im Klaren wie sie selbst.
Kurz überkommt sie der Impuls wegzulaufen, aber das traut sie sich nicht. Nicht in Kels Anwesenheit.
Sie zieht den Kopf ein und tritt zu den beiden Männern. Und der Schnecke.
Ihr entgeht Kels belustigter Blick dabei nicht und innerlich verdreht sie die Augen.
„Guten Morgen, Katze“, begrüßt Harbeck sie in seinem gut gelaunten Händlerton.
„Zwerg“, erwidert Smokie, bemüht um einen charmanten Tonfall.
„Meine Münzen?“
„Unsere Münzen?“, fragt sie keck zurück.
„Meine Münzen“, sagt der Zwerg mit Nachdruck und einem tadelnden Kopfschütteln.
Seufzend zaubert Smokie ein paar Münzen aus ihrer Kleidung und reicht sie dem Zwerg.
Er zählt diese schnell nach, und ohne den Blick von den Münzen zu nehmen, streckt er seine Hand erneut aus und gibt Smokie mit einem Wink zu verstehen, dass noch etwas fehlt.
Dann hat er seine Buchhaltung doch besser im Griff, als anfangs vermutet, muss sich Smokie eingestehen und rückt die restlichen Münzen heraus.
Zufrieden nickt Harbeck.
„Gut, gut, alter Freund, zumindest der Schuld in harter Währung ist Genüge getan. Nun kommen wir zu dem anderen Teil.“
Kel nickt und sieht Smokie an.
„Du bist Harbeck und Herrn Slibberich von Gleitfuß für diese Unannehmlichkeit eine kleine Gefälligkeit schuldig, und diese Gefälligkeit wirst du jetzt einlösen.“
Irritiert schaut Smokie zwischen den beiden Männern hin und her.
„Gefälligkeit? Was für eine Gefälligkeit?“
„Harbecks Ansinnen ist es, schnellstmöglich nach Griebwacht zu gelangen. Er will über den Bährenzahnpass, aber du weißt ja, wie es ist, auf dem Pass. Etwas einschüchternde Gesellschaft kann nicht schaden.“
„Und da schickst du mich?“, fragt Smokie leicht entgeistert.
Kel verschränkt die Arme und zieht belustigt die Augenbraue hoch.
„Ja.“
Sein Ton ist eindeutig. Er duldet keine Widerworte. Smokie ist klug genug, das zu verstehen.
Sie hat die Regeln des Refugiums missachtet. Das ist ihre Strafe. Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren.
Sie schultert ihren Rucksack. Ein Zwei-Tages-Marsch. Ein bisschen gefährlich aussehen. Mehr nicht.
Während sie dem Zwerg und seiner Schnecke aus den Toren des Refugiums folgt, wirft Smokie noch einen letzten Blick zurück.
Ihr Mentor hebt zum Abschied die Hand und nickt ihr zu.
„Nun denn, junge Smokie Thicket. Sehen wir mal, ob Eure Füße genauso schnell sind, wie Eure niederträchtigen Finger“, ruft der Zwerg ihr schelmisch zu.
Die Schnecke neben ihm gibt ein sonderbares, glucksendes Geräusch von sich.
Smokie seufzt. Das kann ja heiter werden.
Der Bährenzahnpass
Der Weg aus der Stadt ist einfach, der Weg auf den Pass ist es nicht.
Der Bährenzahnpass beginnt zwischen hohen Laubbäumen mit einer sanften Steigung. Die Luft ist noch angenehm und kühl, und am Anfang kommen sie gut voran.
Auf dem Weg begegnen sie nur wenigen anderen Reisenden. Sie überholen eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die sich beim Gehen Zeit lassen. Smokie fragt sich, warum sie nicht den Weg um den Pass herum nehmen. Er dauert länger, ist aber sicherer. Aber das soll nicht ihre Sorge sein.
Der Weg nimmt bald schon an Steigung zu und ihre Schritte verlangsamen sich.
Während das Geröll immer rutschiger wird, klettert Harbeck auf den Sattel von Herrn Slibberich. Die Schnecke gleitet sicher über das Geröll, während Smokie immer wieder den Halt verliert.
Nach und nach fällt Smokie hinter der Schnecke zurück.
Sie zieht aus ihrem Rucksack etwas zu essen, um sich die Langeweile zu vertreiben. Das erste Paket ist schneller leer, als ihr lieb ist, aber sie hat ja gut vorgesorgt.
„Interessant“, ruft Harbeck von vorne über seine Schulter.
„Was?“, fragt Smokie kauend.
„Ich dachte, Wegelagerer sollten Angst davor haben, gegen Euch kämpfen zu müssen, und nicht davor, dass Ihr ihnen möglicherweise den Proviant wegfressen werdet.“
„Hey!“, ruft Smokie empört, wegen der Andeutung, sie sei verfressen. „Ich habe eben einen schnellen Stoffwechsel!“
„Ihr habt einen kriminellen Stoffwechsel! Denkt mal darüber nach.“
Der Zwerg lacht schallend.
Smokie verdreht die Augen und Herr Slibberich macht wieder dieses sonderbare Geräusch.
„Hat die Schnecke wirklich einen Adelstitel?“, fragt Smokie aus Neugierde, während sie zu Harbeck aufschließt und die Schnecke von der Seite mustert.
„Selbstverständlich.“
„Wer hat ihn verliehen?“
„Ich.“
„Naa, dann ist er wertlos.“
„Tzz, und das sagt die Katze, die es nicht mal schafft, einen alten Zwerg und eine Schnecke so zu bestehlen, dass sie es nicht mitbekommen.“
Smokie schmunzelt.
Die Sonne wärmt ihr Fell. Wenn sie im Schatten der Bäume geht, wird es angenehm kühl.
Während ihres Geplänkels ertappt sich Smokie öfter dabei, dass sie den Ausflug fast schon genießt.
Trotzdem sorgt das unwegsame Gelände dafür, dass sie sich weiter zurückfallen lässt.
Immer wieder dreht sich Harbeck zu ihr.
„Was ist denn?“, ruft Smokie gewollt zänkisch, als Harbeck wieder einmal nach hinten schaut.
„Ihr sollt mich begleiten!“
„Das tue ich!“
„Ihr seid fünfzig Schritte hinter mir!“
Smokie lacht leise.
„Ich begleite Euch eben aus der Ferne.“
Trotzdem setzt sie ihre Schritte jetzt schwungvoller, schließt zu Harbeck auf und bald schon pfeift sie eine energiegeladene Melodie, die sie weiter anspornt.
Schließlich ist es Harbeck, der erneut das Schweigen bricht.
Wobei man von Schweigen nicht sprechen kann, immerhin hat der Zwerg sich den ganzen Weg über lautstark mit seiner Schnecke unterhalten.
„Es ist immer gut, mit einem Barden zu reisen. Ihr habt einfach den Rhythmus, bei dem man mit muss“, ruft Harbeck gut gelaunt von Herrn Slibberichs Rücken herunter.
„Ich bin keine Bardin!“, sagt Smokie zu ihm, während sie versucht, leichtfüßig über das lockere Geröll zu hüpfen.
„Nicht?“
„Nein!“ Und mit weniger Nachdruck sagt sie: „Und vielleicht werde ich nie eine sein.“
Harbeck zieht die Zügel an, um auf Smokie zu warten und sieht sie mit einem fragenden Blick an.
Vielleicht ist es das lockere Geplänkel oder der beruhigende Rhythmus eines längeren Fußmarsches, aber ohne zu überlegen plappert Smokie drauflos.
„Versteht mich nicht falsch. Ich kann musizieren. Ich höre die Musik. Ich kann Geschichten erzählen. Prosa vortragen. Aber es ist nicht das Gleiche wie das, was Kel tut.“
„Nun, Kel ist ein Barde der alten Schule und Ihr seid … wie alt? Euch fehlt einfach nur die Erfahrung.“
„Tja, das Gleiche sagt Kel auch immer.“
„Wenn es nach mir geht, bin ich eher gewillt, ihm zu glauben als Euch.“
Smokie lacht auf.
„Das kann ich Euch nicht verübeln.“
Die drei unfreiwilligen Reisegefährten machen eine kurze Rast, bevor sie ihren Weg fortsetzen.
Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, es ist später Nachmittag. Die Euphorie des Vormittags weicht einer ersten Erschöpfung. Die Luft ist aufgeladen und heiß.
Smokies Ohren zucken unentwegt in die eine, dann in die andere Richtung, doch die Umgebung ist ruhig. Zum Glück. Bei der Hitze reizt es Smokie nicht, sich des Rapirs bedienen zu müssen.
„Also, nochmal zu der Schnecke …“, setzt Smokie an, aber dann verstummt sie.
Ihre Ohren zucken erneut. Sie hört … nichts mehr. Kein Vogelgezwitscher. Nicht mehr das leise Rascheln im Unterholz von kleinen Kreaturen.
Harbeck und die Schnecke bleiben stehen, als sie Smokies Innehalten bemerken.
Ein gewaltiger Donnerschlag zerreißt die plötzliche Stille.
Erschrocken ziehen die beiden die Köpfe ein.
Dunkle Wolken schieben sich über das Wallgebirge und kommen stetig näher.
Smokie runzelt die Stirn und sieht zu Harbeck. Und bevor sie reagieren können, ergießt sich ein sintflutartiger Regen über sie.
Der Sturm
„Wo kommt dieser Sturm auf einmal her!“, schreit Smokie gegen Wind und Regen an.
„Wir müssen Schutz suchen!“, ruft Harbeck, der seinen schleimigen Gefährten bereits zur Eile antreibt. „Kommt!“
In einer Geschwindigkeit, die Smokie der Schnecke nicht zugetraut hätte, arbeiten sie sich eine Anhöhe hinauf.
„Eine Hütte!“, ruft der Zwerg wieder und deutet auf kleines Bauwerk am Rande des beginnenden Waldes. Smokie nickt ihm zu und zügig verlassen sie den Weg.
Der Regen ist kalt und stechend. Smokie hasst das.
Während sie auf die Sicherheit der Hütte zueilen, hört Smokie etwas hinter ihnen. Sie kneift die Augen zusammen.
„Harbeck!“, ruft sie, um die Aufmerksamkeit des Zwerges auf sich zu ziehen. „Dort hinten!“
Harbecks Blick folgt ihrem ausgestreckten Arm. Seine Augen weiten sich, aber dann nickt er ihr zu.
Er wendet die Schnecke und gemeinsam laufen sie zurück.
Die Familie kämpft sich durch den Sturm. Die Eltern haben sichtlich Schwierigkeiten damit, die Kinder und das Gepäck zu tragen.
Smokie erreicht die Familie als Erste.
„Wir helfen!“, schreit sie über den Sturm hinweg zu der Mutter, die dankbar nickt.
Sie hebt das Bündel auf, das der Frau immer wieder aus den Armen rutscht und schultert es selbst.
Sobald Harbeck angekommen ist, setzen sie die Kinder auf Herrn Slibberich und gemeinsam eilen sie weiter zu der Hütte.
Harbeck stemmt sich gegen die Tür und winkt die Familie hinein. Smokie hebt die Kinder vom Sattel der Schnecke und schickt sie nach drinnen.
Die kleine Gruppe ist nicht die einzige, die in der Hütte Schutz gesucht hat.
Zwei weitere Händler machen sich gerade an einem kleinen Feuer zu schaffen. Sie sehen auf.
Die Blicke der anwesenden Allven sind nervös, doch niemand sagt etwas.
Harbeck stellt seinen Rucksack in eine Ecke, reibt sich die Hände.
Smokie sieht ihn fragend an.
„Herr Slibberich wird den Sturm draußen abwarten. Er ist zäher, als man denkt. Ah herrlich. Feuer.“
Wie selbstverständlich geht Harbeck zu dem entstehenden Feuer und wärmt sich die Hände.
Schnell ist er in einer Unterredung mit den anderen Händlern. Smokie hört aufmerksam zu.
Der Sturm kam so schnell, dass keiner ihn kommen sehen hat.
Ein Knall durchreißt die Luft, und der Boden unter Smokies Füßen vibriert. Dann nochmal.
„Blitze“, schlussfolgert Smokie. „Ziemlich nah.“
Sie will gar nicht wissen, ob da draußen noch andere Reisende unterwegs sind, die auf die Schnelle keinen Schutz gefunden haben.
Ihr schaudert.
Doch die weinenden Kinder lenken sie ab. Sie haben Angst und finden keine Ruhe. Ihre Eltern sitzen erschöpft daneben.
Smokie greift nach der Flöte und betrachtet sie zweifelnd. Was würde Kel jetzt tun? Abwarten?
Sicherlich nicht. Er würde IRGENDETWAS tun.
Sie spürt den Blick des Zwergs und schaut auf. Er deutet auf die Flöte in ihrer Hand und nickt.
Ihr ist klar, dass auch die anderen Allven das Instrument bemerkt haben und vermutlich ihre Schlussfolgerung daraus ziehen.
Smokie atmet einmal tief durch und setzt die Flöte an.
Sie beginnt zu spielen. Eine Melodie, die sie gut kennt. Heiter, fröhlich und eingängig.
Und tatsächlich werden die Kinder etwas ruhiger, hören ihr zu. Ihre Eltern schließen dankbar für einen Moment die Augen.
Sie spielt weiter, doch der Wind pfeift genauso laut wie vorher, wenn nicht sogar noch lauter. Er übertönt sie und ihre Melodie. Sie spielt trotziger, doch die Töne werden davon nicht besser.
Sie werden schlechter.
Frustriert lässt sie die Flöte sinken. Die beiden Händler wenden sich enttäuscht von ihr ab.
Was hat sie auch erwartet? Dass sie auf wundersame Weise etwas meistert, das sie seit zwei Jahren nicht gemeistert hat?
„Das wird eine harte Nacht“, flüstert Harbeck ihr zu, als er sich neben sie setzt.
„Macht Ihr Euch Sorgen, dass die Hütte nicht halten wird?“, flüstert Smokie zurück.
Harbeck schaut sie ernst an. Der Humor in seinen Augen ist verschwunden.
„Ja. Seit wir hier sind, male ich mir ein schlimmes Szenario nach dem nächsten aus und bei jedem sind mir die Hände gebunden. Könnt Ihr es nicht noch einmal versuchen?“
Smokie faucht entnervt.
Ein weiterer Blitz ganz in der Nähe lässt beide hochfahren, gefolgt von einem heftigen Windstoß, der unter das Dach fährt und an den losen Brettern zieht.
Ein hartes Rumpeln setzt Smokie in Alarmbereitschaft. Ihren Instinkten folgend, prescht sie zu der einen Seite der Hütte und zieht die beiden Kinder von der Wand weg. Deren Eltern springen auf und wollen empört ihre Kinder zurück ziehen.
Da kracht mit einem lauten Geräusch ein Baum durch die Decke der Hütte.
Das dürftige Feuer erlischt und um sie herum wird es auf einmal dunkel.
Die Stimme im Wind
Jemand schreit, dann ein Weinen. Vermutlich die Mutter mit ihren Kindern.
„Ist jemand verletzt?!“, ruft eine Stimme.
Smokie dreht sich um und sucht Harbeck. Sie kann ihn nicht finden. Geschickt klettert sie über den Baum zu den Astgabeln und erspäht Harbeck unter sehr viel Laub. Sie hört den Zwerg stöhnen. Sein Fuß ist eingequetscht, aber neben ein paar leichten Kratzern scheint er ansonsten unverletzt zu sein.
Mit vereinten Kräften ziehen Smokie und die anderen ihn unter dem Baum hervor. Zu seinem großen Glück hat ihn der Baum knapp verfehlt.
Nachdem das Dach eingebrochen ist, kauern sie sich alle auf die andere Seite der Hütte, in der Hoffnung, dass nicht noch ein Baum umfallen wird.
Die vermeintliche Sicherheit ist verschwunden. Die wachsende Unruhe der kleinen Gesellschaft sorgt dafür, dass sich Smokies Fell aufstellt. Die Kinder wimmern, während sie sich eng an ihre Eltern drücken. Der Händler, der vorhin noch optimistisch am Feuer stand, macht ein zutiefst erschüttertes Gesicht. Und Angst … Angst spiegelt sich in jedem der Gesichter.
Aus Verzweiflung setzt Smokie die Flöte wieder an, doch dann lässt sie sie sinken.
Harbecks Blick ruht auf ihr.
„Ich sagte es Euch. Ich bin nicht Kel Korin.“
Trotzig steht Smokie auf, doch Harbeck hält ihre Hand fest.
„Da habt Ihr Recht. Ihr seid nicht Kel Korin. Und Ihr habt es nicht nötig, Euch mit ihm zu vergleichen. Kel sieht etwas in Euch. Er glaubt an Euch. Wenn Kel denkt, in Euch steckt eine Bardin, dann – will ich zum Schleim verdammt sein – dann steckt eine Bardin in Euch. Und wenn Ihr auf eine passende Zeit wartet, Euch das endlich einzugestehen, dann meine ich, dass es JETZT sehr gut passen würde.“
Smokie schluckt. Der Zwerg hat keinerlei Zweifel an ihr. Genauso wie Kel nie an ihr gezweifelt hat. Trotz all ihrer Verfehlungen.
Warum ist sie die Einzige, die ständig an sich zweifelt?
Sie sieht auf.
Müde Gesichter hier drinnen.
Hungriger Wind da draußen.
Ihre Ohren zucken. Der Wind brüllt. Das Holz um sie herum knarrt.
Es ist alles so laut. Zu laut.
Sie atmet tief durch. Ihre Schnurrhaare zucken.
Es ist … laut. Die ganze Luft vibriert voller Schwingungen. Der Wind schwillt an und schwillt ab. Der Regen prasselt in seinem eigenen Rhythmus. Das Knarzen des Holzes arbeitet mit dem Wind.
Das ist mehr als nur Lärm. Das ist … Musik.
Sie kann die Tonlage hören.
Sie kann die Melodie verstehen.
Und vielleicht kann sie … Smokie streicht das „Vielleicht“ aus ihren Gedanken. Grimmig erhebt sie sich.
Da ist kein „Vielleicht“. Sie kann.
Entschlossen geht sie an eine Stelle, an der das Dach zerstört ist und stellt sich unter den freien Himmel. Mitten in den Regen, mitten in den Sturm.
Und dann beginnt Smokie Thicket zu singen. Erst leise, kaum hörbar.
Sie versucht nicht länger, dem Wind eine Melodie aufzuzwingen oder ihn zu übertönen.
Dieses Mal versucht sie, die Melodie des Windes aufzugreifen, sie anzupassen, und die Musik des Windes zu ihrer eigenen zu machen.
Was sie singt ist wütend und abgehackt, aber es trägt.
Smokie singt jetzt laut. Sie singt selbstbewusst. Sie singt ohne Angst und ohne Zweifel.
Als Erstes spürt sie das Kribbeln in den Fingern. Ein leichtes Brennen, eine Wärme die sich in ihr ausbreitet.
Ein Sog aus Energie, der sich auf die Töne legt, die sie singt.
Sie kann spüren, wie die Magie ihr ganzes Wesen einnimmt und sich mit der Musik verbindet.
Wie die Musik zu Wind wird und der Wind sich auf ihre Melodie einlässt.
Angespornt singt Smokie weiter. Sie lässt die Energie um sich herum fließen und blendet alles andere aus.
Sie singt so lange weiter, bis das wütende und aufbrausende Lied langsam abflacht und ganz natürlich ein Ende findet.
Und mit dem letzten verklingenden Ton bleibt von dem wütenden Sturm nur noch ein leichter Wind und seichter Nieselregen.
Erschöpft lächelt Smokie, als sie auf ihre zitternden Hände schaut.
„Ihr habt es geschafft!“
Harbecks freundliches Gesicht ist das Letzte, was Smokie sieht, bevor sie ohnmächtig wird.
Wenn der Morgen kommt
Als Smokie die Augen öffnet, strahlt heller Sonnenschein durch das zerfallene Dach.
Sie erhebt sich gähnend.
Harbeck humpelt zu ihr.
„Guten Morgen, junge Bardin.“
Er reicht ihr einen Wasserschlauch
Dankbar nimmt sie ihn entgegen.
„Habt Dank.“
Gierig trinkt sie und lässt das kalte Wasser ihre Kehle hinunterfließen.
„Was ist passiert?“
Ihr Kopf dröhnt immer noch.
„Ihr habt angefangen zu singen. Dann kam die Magie dazu, mit der Ihr diesen Sturm bezwungen habt. Danach seid Ihr ohnmächtig geworden.“
Smokie erinnert sich vage. Der Moment, in dem sie endlich verstanden hat, was Kel ihr immer und immer wieder versucht hat zu erklären.
Dass man als Barde nicht laut sein muss, sondern dass man zuhören muss.
Sie ist zu dem geworden, was Kel seit ihrer ersten Begegnung in ihr gesehen hat: eine Bardin.
Sie lächelt matt.
„Ich hoffe Kel will davon eine detailgenaue Nachspielung haben.“
Harbeck lacht.
Bevor die beiden sich auf den Weg nach Griebwacht machen, genehmigen sie sich ein Frühstück. Alle anderen waren schon längst weitergezogen, doch jeder hat für Smokie aus Dankbarkeit etwas zu essen hinterlassen. Gierig füllt sie ihre Energiereserven wieder auf.
Als die beiden die Hütte verlassen, herrscht wieder schönster Sonnenschein.
„Ein seltsamer Sturm war das“, sagt Smokie im Gehen.
Harbeck, der wieder auf Herrn Slibberich reitet, um seinen gequetschten Fuß zu schonen, stimmt ihr zu.
„Es geht viel vor sich in Allverund und nicht alles ist immer zum Besten.“
Smokie wird sich das merken. Sie wird mit Kel darüber sprechen, was er von so einem Sturm hält.
„Stimme im Wind.“
„Was?“, fragt Smokie und sieht zu dem murmelnden Zwerg.
„Die Stimme im Wind. So wird man Euch nach dem gestrigen Ereignis nennen: Smokie Thicket, die Stimme im Wind.“ Er zuckt mit den Schultern.
„Jeder gute Barde hat einen Beinamen.“
Smokie grinst. Kel Korin, der Zweiklang und Smokie Thicket, die Stimme im Wind.
Da hat sie doch deutlich besser abgeschnitten.
„Ja, das gefällt mir gut.“
In Griebwacht angekommen, kann Smokie Kel schon von Weitem sehen. Er wartet bereits am Ortseingang mit besorgtem Blick.
„Lirava hab Dank. Ihr habt den Sturm gut überstanden“, ruft Kel, während er eiligen Schrittes auf sie zukommt.
„Sag bloß, du hast dir Sorgen gemacht“, erwidert Smokie mit einem Augenzwinkern.
„Dank deiner Bardin in Ausbildung haben wir den Sturm überstanden. Ohne sie wären wir nicht so glimpflich davongekommen.“
Kel zieht überrascht die Augenbrauen hoch, doch Smokie winkt ab.
„Das erzähl ich dir später. Verrat mir lieber, wie du so schnell hier sein konntest. Kamst du etwa mit …“
Ein raues Kreischen dringt an Smokies Ohren.
„Greifen!“
Völlig begeistert späht Smokie hinter Kel und sieht zwei der geflügelten Tiere hinter ihm warten.
„Als ich den Sturm bemerkte, war ich in höchster Alarmbereitschaft. Die Magiekundigen haben den Sturm mit Sorge beobachtet. Sobald es das Wetter es zuließ, hab ich die Greifen geholt, um euch zu Hilfe zu kommen. Aber ich konnte euch nicht ausfindig machen. Ich bin ehrlich froh, dass euch nichts zugestoßen ist. Ich hätte euch nicht allein gehen lassen sollen.“
Smokie tätschelt Kel im vorbei gehen die Schulter.
„Warte ab mit deinem Stolz, alter Mann. Ab sofort werden sich die Dinge ändern. Smokie Thicket, die Stimme im Wind, wird nun selbst ihre Geschichte schreiben.“
Hinter ihr erklingt das herzhafte Lachen von Harbeck und das glucksende von Herrn Slibberich.
„Da könnte sie recht haben, Kel. Da könnte sie durchaus recht haben.“
Mit Kels Hilfe verarzten sie Harbecks Fuß. Dann trennen sich ihre Wege.
Der Abschied ist wenig spektakulär. Doch Harbecks Worte werden ihr in Erinnerung bleiben, das kann sie fühlen.
„Ich hoffe, Ihr merkt Euch dieses Gefühl, Smokie Thicket. Ihr wart wahrlich großartig.“
Sie umarmt den Zwerg zum Abschied, dann folgt sie Kel.
Als Smokie und Kel auf die Greifen steigen und diese sich in die Lüfte schwingen, dreht sich Smokie noch einmal zu Harbeck Witzbart und Herrn Slibberich von Gleitfuß um.
Die Art und Weise wie er ihr hinterherwinkt, lässt Smokie vermuten, dass er früher als erhofft festgestellt hat, dass ihm ein oder zwei Münzen abhandengekommen sind.
Sie grinst. Nun ja, man kann eben nicht jedes Problem an einem Tag lösen.
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